Jonathan Stockhammer, Conductor

«Jonathan Stockhammer ist bescheiden und begeisterungsfähig. Ein Universalmusiker, der Haydn genauso überzeugend dirigiert wie die vertrackten Partituren der Moderne. Er ist ein so charmanter wie mitreißender Anwalt für Neues und Außergewöhnliches – und ein charismatischer Orchesterleiter, dem seine Musiker von Stuttgart bis Tokyo, von Baden-Baden bis New York gerne auch auf abenteuerliche Pfade folgen.» Südwestrundfunk SWR2

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Ein ebenso charmanter wie begeistert-begeisternder Anwalt für Neues und Außergewöhnliches ist der amerikanisch-deutsche Dirigent Jonathan Stockhammer. Hineingeboren in eine kalifornische Musikerfamilie, studiert er zunächst einmal Politikwissenschaft und Sinologie und verfällt nach einem existenziellen Mahler-Erlebnis mit Haut und Haar der Musik. Als vielgefragter Gast der groβen Sinfonieorchester, der Spezialensembles und der internationalen Opernhäuser kennt er seitdem keine musikalischen Grenzen. Jonathan Stockhammer ist sowohl im klassisch-romantischen Kernrepertoire als auch in der Moderne und im zeitgenössischen Repertoire mit gröβter Offenheit und brennender Neugier bei der Sache.

American-German conductor Jonathan Stockhammer is an inspired and inspiring – not to mention charming – advocate for the new and unconventional. Born into a Californian family of musicians, he first studied political science and sinology, before falling headlong for music after an existential experience with Mahler. Now a highly sought-after guest conductor of leading symphony orchestras, specialist ensembles and international opera houses, he has since known no musical boundaries. With utmost candour and burning curiosity, Jonathan Stockhammer is equally committed to the core Classical and Romantic repertoire as the modern and contemporary.

Wachheit, Vertrauen, Demut

Der tiefgraue Wintermittag hellt sich spürbar auf, als Jonathan Stockhammer am Treffpunkt erscheint, in einem etwas lärmigen Frankfurter Innenstadtcafé. Er hat schon einen langen Vormittag hinter sich mit einem Flug von Berlin hierher. Er ist viel unterwegs. Aber er macht nicht den Eindruck eines Übergeschäftigen, Gehetzten. Er nimmt sich reichlich Zeit für unser Gespräch. Zweieinhalb Stunden vergehen im Nu, und schließlich ist es nicht er, der zu einem Termin aufbrechen muss, sondern ich. In aller Lebhaftigkeit und unermüdlichen Eloquenz kann Jonathan doch so etwas wie eine innere Ruhe, eine profunde Gelassenheit vermitteln. So sieht keiner aus, der nichts weiter in seinem Sinn verfolgt als die nächsten planmäßigen Schritte seiner Karriere-Strategie.

Der schlanke, drahtige Mittvierziger spricht gerne, aber er kann auch zuhören. Sein künstlerischer Enthusiasmus hat etwas Einladendes, Überzeugendes, auch durchaus Überrumpelndes. Und doch lässt er dem Gegenüber Luft, wartet auf dessen Reaktion, die der eigenen Leidenschaftlichkeit weiteren Anstoß und Stoff gibt. Man ahnt, dass man dirigentisches „Charisma“ neu wird definieren müssen. Bei Jonathan entsteht „Charisma“ wohl nicht so sehr aus der unnahbaren Souveränität eines eisernen Willens als aus der Beweglichkeit und Wachheit einer dialogischen Lebensart, die sich in der Kommunikation mit Anderen eigene Sicherheit und Legitimation erwirbt. Das mag typisch für eine neue Generation von Dirigenten sein, die auf Kollegialität statt auf altmodische Befehlsstrukturen setzen. Jonathans künstlerisch-mitmenschliches Ethos scheint indes weiter zu reichen. Es verbindet sich mit Begriffen wie Vertrauen, Wachsein, Demut und Verwundbarkeit und sieht die Arbeit an einer Interpretation als einen geburtsähnlichen Prozess, der mindestens ebensoviel „geschehen lässt“ wie aktiv hervorbringt – eine gewissermaßen taoistische Intention.
Der amerikanischen Intelligenz ist auch das Fernöstliche gewiss näher als den mehr auf sich zentrierten Europäern. Jonathan Stockhammer ist in Hollywood geboren. Natürlich wird da der Film zu einem besonderen Lebenselement. Jonathans Vater war Geiger beim Los Angeles Philharmonic Orchestra. So erlebten schon das Kind und der Jugendliche dirigentische Großkaliber wie Zubin Mehta, Carlo Maria Giulini, Esa-Pekka Salonen und Georg Solti (der oft mit seinen Chicago-Symphonikern gastierte). Prägende Eindrücke erfuhr Jonathan insbesondere von den sehr verschiedenen, aber beide auch als Komponisten der aktuellen Musik verbundene Maestri Salonen und Peter Eötvös, deren Assistent er war.

Seit bald 15 Jahren lebt Jonathan nun in Berlin, und er verhehlt nicht, dass das mitteleuropäische Musikleben ihm besser entwickelt vorkommt als andere. Seine Beziehungen zur deutschen Musik waren schon immer intensiv. Erst relativ spät beschäftigte sich der jüdisch-liberal sozialisierte Jonathan mit spezifisch christlichen Inhalten, was ihm im Zusammenhang mit Wolfgang Rihms „Deus passus“ (er dirigierte das Werk in Strasbourg) eine neue geistige Welt eröffnete, der er mit zunehmendem Respekt begegnet.

In der Eötvös-Sphäre lag es nahe, dass Jonathan Stockhammer vor allem mit zeitgenössischer Musik zu tun bekam und auch damit weitgehend identifiziert wurde. Bei avancierten Kollektiven wie dem Ensemble Modern oder auch den Radiosinfonikern Stuttgart ist er auch mit ungewöhnlichen Initiativen willkommen. Nicht um jeden Preis strebt Jonathan nach großen Positionen in der Oper oder im Konzertwesen. Wichtiger wäre es für ihn, der auch organisatorisch interessiert ist, programmatische Ideen wirksam realisieren zu können, am besten in kontinuierlicher Arbeit mit einer bedeutenden Institution. Das zerrissen Stückwerkhafte einer bloßen Reisetätigkeit könnte ihn auf Dauer nicht befriedigen. Ebensowenig die Fixierung auf einen speziellen Aspekt des Musikbetriebs. Bei aller Neigung zur Moderne bis hin zum Experimentellen möchte er dennoch die Universalität der „ganzen“ Musik (zu der für ihn als Amerikaner auch die Traditionen der Popmusik gehören, auch wenn er ihre kommerziellen Affinitäten nicht schätzt) nicht vernachlässigen. Die Weite seiner künstlerischen Orientierung umfasst die strengen Mahler- und Beethoven-Wiedergaben Michael Gielens ebenso wie die spät noch einmal verifizierte Kindheitserfahrung einer „Schwanensee“-Aufnahme mit Herbert von Karajan. Deren magisches Cover in Lilafarben: ein leuchtend unverlierbares frühes Bild. So vielfältig verwurzelt kann intellektuell hochgespannte, synästhetisch durchdrungene Künstlerexistenz sein.

Alertness, Trust, Humility

The gloomy winter afternoon brightens up considerably as Jonathan Stockhammer arrives at our meeting point, a rather noisy cafe in Frankfurt city centre. He already has a long morning behind him, having just flown in from Berlin. He travels a lot, but doesn’t give the impression of being overworked or harassed, and he takes plenty of time over our interview. Two and a half hours pass in a flash, and in the end it is I, not he, who have to leave for the next appointment. With verve and tireless eloquence, Jonathan imparts a kind of inner calm, a profound serenity. This is not the manner of someone who is only concerned about the next rung of their career ladder.

The slim, wiry man in his mid-forties likes to talk, but is also a good listener. His artistic enthusiasm is inviting, convincing and quite overwhelming, and yet he gives you space, waits for your reaction, which in turn fuels his own ardour. I begin to suspect that conducting «charisma» will need to be redefined. Jonathan’s charisma arises not so much from the unapproachable supremacy of an iron will as the flexibility and alertness of a life lived in dialogue, gaining assurance and legitimacy through communication with others. This could be typical of a new generation of conductors, who set more store by collegiality than old-fashioned authoritarianism. Jonathan’s artistic and humanistic ethos seems to go a step further in this respect. It connects with concepts such as trust, alertness, humility, vulnerability, and sees work on a new interpretation as a process similar to birth, letting things happen every bit as much as making things happen – a kind of taoistic intention.

Far Eastern intelligence is surely closer to that of American than to that of the more self-centric Europeans. Jonathan Stockhammer was born in Hollywood, where film plays a special part in life. His father was a violinist in the Los Angeles Philharmonic Orchestra, so the young Jonathan witnessed high calibre conducting from the likes of Zubin Mehta, Carlo Maria Giulini, Esa-Pekka Salonen and Georg Solti (a frequent guest with his Chicago Symphony Orchestra). The maestri Esa-Pekka Salonen and Peter Eötvös, each very different yet both connected to modern music as composers, made particularly enduring impressions on Jonathan, who was assistant to both.

Jonathan has been living in Berlin for almost 15 years now, and makes no secret of the fact that he finds musical life in Central Europe more developed than elsewhere. His connection to German music has always been an intensive one. Against his background of Liberal Judaism, Jonathan came to contemplate certain aspects of Christianity relatively late, discovering in Wolfgang Rihm’s «Deus passus», which he conducted in Strasbourg, a new spiritual world that he regards with increasing respect.

In Eötvös’s sphere, it was not surprising that Stockhammer was principally concerned with contemporary music and became largely associated with it. Cutting-edge collectives such as Ensemble Modern and Stuttgart Radio Symphony Orchestra welcome his initiatives, however unconventional. Jonathan doesn’t strive at all costs for prestigious appointments in the concert and opera business. With his interest in organisation, the ability to successfully realise his own programming ideas is more important to him, ideally as part of an ongoing collaboration with a renowned institution. The disjointed and piecemeal work of a conductor on the road would not satisfy him long-term, nor would a confinement to one particular aspect of the music scene. Much as he tends towards modern and experimental music, he does not wish to neglect the universality of music as a whole, which for him as an American includes the pop tradition, however averse he is to its commercial aspect. The breadth of his artistic orientation spans the stringent renditions of Michael Gielen’s Mahler and Beethoven to the recent rediscovery from childhood of a Swan Lake recording with Herbert von Karajan, its magical purple cover a vibrant and inalienable early image. How diverse the roots of an intellectually high-powered, synesthetically imbued artist’s life can be.

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Jonathan Stockhammer, «Al gran sole carico d’amore» am Theater Basel, 2019

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